In Kürze startet die WM in Katar, womit es höchste Zeit wird, dass auch wir uns an eine Prognose für die kommende Endrunde wagen. Dieser Beitrag widmet sich den größten Favoriten und ihren Chancen, erfolgreich als Sieger hervorzugehen und beleuchtet gleichzeitig deren Stärken und Schwächen.

Deutschland: Vermutlich für uns am besten zu beurteilen. Die deutsche Mannschaft hat in den letzten Jahren unter Jogi Löw trotz angestrebtem Umbruch sportlich eher maue Jahre erlebt. Die EM im letzten Jahr, die mit dem Ausscheiden gegen die späteren Finalisten, aber nicht unschlagbaren Engländer endete, war ein Sinnbild für viele Dinge, die im Argen lagen bei dieser deutschen Mannschaft. Auch aufgrund der erkannten Problematiken wie fehlenden neuen Reizen von Außen übernahm Hansi Flick nach seinem Ausscheiden beim FC Bayern die deutsche Nationalmannschaft vergangenen Sommer. Seitdem hat sich vieles verändert und auch die Spielanlage der deutschen Mannschaft samt vieler neuer Gesichter wie Linksverteidiger David Raum oder Shootingstar Jamal Musiala ist deutlich variabler angelegt und bietet in sich eine Menge Flexibilität. Aufgrund vieler Versäumnisse in den vergangenen Jahren und der möglicherweise deutlich zu spät erfolgten Trennung von Löw zählt das Team trotz allem höchstens zum erweiterten Favoritenkreis in Katar. Zu überlegen und mit überragenden Einzelspielern bestückt sind bei richtiger Einstellung die Favoriten aus Frankreich oder Brasilien. Die Chance der deutschen Mannschaft könnte darin liegen, durch einen guten Teamgeist und mannschaftliche Geschlossenheit wieder einmal ihrem Ruf als Turniermannschaft gerecht zu werden und sich von Spiel zu Spiel steigern zu können. Auch personell stehen noch einige Fragezeichen hinter gewissen Mannschaftsteilen. Hofmann oder Kehrer mögen auf der rechten Seite gute und auch mehr als gestandener Spieler sein, aber reicht es auch gegen die Vinicius´und Mbappés dieser Welt im Eins gegen Eins, wenn es darauf ankommt? Zweifelhaft. Auch im Sturm wird das Fehlen eines echten, qualitativ auf höchstem Level anzusiedelndem Neuner nur im Kollektiv aufzufangen sein. Die Nominierungen von Füllkrug und Moukoko sind trotzdem positiv zu bewerten, bringen sie der Mannschaft doch weitere Optionen im Sturmzentrum. Erwartet wird in vorderster Front Kai Havertz, bei dem die Frage bleibt, ob er konstant im Zentrum spielt oder ob Spieler wie Serge Gnabry oder Leroy Sané mit in die Spitze stoßen. All das wird spannend zu beobachten und könnte für die deutsche Mannschaft auch durch ihre Unberechenbarkeit zum X-Faktor gegen viele Kontrahenten werden. Titelchancen: 10%

Frankreich: Die Franzosen sind trotz ihrer individuellen Weltklasse in nahezu jedem Mannschaftsteil zugleich die größte Wundertüte des Turniers. Wenn man es schafft, das Normalniveau abzurufen ist man unbestreitbar der Topfavorit des Turniers, der im vergangenen Jahr durch die Begnadigung von Karim Benzema noch einmal eine Stufe besser einzuordnen ist. Allein eine Sturmreihe mit Mbappé, Griezmann und Benzema sucht ihres Gleichen. Dahinter agieren im Mittelfeld nach den Ausfällen von Pogba und Kanté in diesem Jahr wohl eine Reihe von Youngstars, die auf höchstem Niveau ihre Chance bekommen. Die Rede ist hier beispielsweise von Aurelien Tchouameni oder Eduardo Camavinga. Die verletzten Stars sind an normalen Tagen absolute Unterschiedsspieler und werden von den anderen nur im Kollektiv aufzufangen sein. Auch im Abwehrverbund braucht man nach vorhandener Qualität mit Spielern wie dem vierfachen CL Sieger Varane oder den Triplesiegern und Weltmeistern Hernandez und Pavard nicht lange suchen. Lloris, ebenfalls Weltmeister, ist in Topform genauso als überragender Torhüter einzustufen. Doch bei allen Lobeshymnen auf diese Mannschaft: Wo liegt das Problem? In ihrer Einstellung und der bisweilen sogar regelrecht arroganten Spielweise. So gesehen im EM Achtelfinale 2021 gegen die Schweiz, als man in überheblicher Art und Weise eine hart erkämpfte Führung in der Nachspielzeit aus der Hand gab und im Elfmeterschießen in Person von Kylian Mbappé kläglich versagte. Diese Mannschaft kann nur an sich selbst scheitern. Auch deshalb bleibt eigentlich nur eins festzustellen: Kriegen die offensiven Freigeister ihre Normalform auf den Platz und auch die restlichen Mannschaftsteile legen die richtige Einstellung und uneingeschränkte Leistungsbereitschaft an den Tag, ist dieses Team auf höchstem Niveau von kaum einem Gegner zu stoppen. Trotz allem aufgrund der vielen schwierigen Charaktere und unvorhersehbarer Einstellungsproblemen nur als einer der Favoriten mit Abstrichen zu sehen. Deshalb: Titelchancen: 25%

Belgien: Für die Belgier ist es mit ihrer goldenen Generation in dieser Zusammenstellung möglicherweise die letzte Chance, einen großen Titel zu erringen. 2018 noch im Halbfinale am späteren Sieger Frankreich gescheitert, wollen die roten Teufel es bei ihrer wohlmöglich letzten Mission in dieser Zusammensetzung nochmal wissen und es endlich zum großen Wurf bringen. Die Mannschaft setzt auf ein mittlerweile im Kern seit vielen Jahren eingespieltes Team um seine Superstars Hazard, de Bruyne oder Courtois. Auch Trainer Roberto Martinez, zwischendurch immer wieder bei großen Topklubs der Premier League gehandelt, gilt als Großer seines Faches. Im Kollektiv setzt diese Mannschaft also auf seine Eingespieltheit und die einzelnen Geistesblitze ihrer Superstars, die auf höchstem Niveau durchaus die Fähigkeiten besitzen, Spiele im Alleingang zu entscheiden. Trotz allem aufgrund der Erfahrung vergangener Turniere und dem ein oder anderen Star außer Form nicht als einer der Favoriten zu nennen. Titelchancen: 5%

Portugal: Auch die Portugiesen gleichen von Turnier zu Turnier einer Wundertüte. 2014 Aus in der Vorrunde. 2016 Europameister. 2018 Aus im Achtelfinale gegen Uruguay. 2021 Aus im Achtelfinale gegen Belgien. Eine sehr gemischte Ausbeute, die vor allem dem absoluten Superstar Cristiano Ronaldo nicht gefallen kann. Will er sich selbst als größter Spieler aller Zeiten krönen, bietet die WM in Katar für ihn wohlmöglich die letzte Möglichkeit seiner unfassbaren Trophäensammlung das eine letzte fehlende Puzzelstück hinzuzufügen. Bei der nächsten WM in den USA und Mexiko wäre er 41 Jahre alt. Doch wer weiß, es ist immer noch CR7 und sein unbändiger Ehrgeiz niemals zu unterschätzen. Abseits ihres Anführers ist diese portugiesische Mannschaft auch in anderen Mannschaftsteilen mehr als ordentlich aufgestellt. Im Sturm tummeln sich neben Kapitän Ronaldo einige vielversprechende Spieler wie Rafael Leão, João Félix oder André Silva. Auch im Mittelfeld besitzt die Selecao einen Mix aus Weltklasse und absoluter Routine. Bernardo Silva, Bruno Fernandes oder auch Joao Moutinho bilden ein Mittelfeld, um das die Portugiesen so manche Nation beneidet. Auch dahinter befinden sich mit PSG Neuzugang Renato Sanches oder Ruben Neves vielversprechende Spieler, die im Laufe des Turniers noch zu Schlüsselspielern werden könnten, so gesehen bei ersterem 2016. Dahinter beginnt allerdings der merkbare Qualitätsverlust, denn trotz großen Namen wie dem mehrfachen CL Sieger und Europameister Pepe oder Ruben Dias ist die Abwehr entweder in die Jahre gekommen oder schlichtweg zu wackelig aufgestellt. Raphael Guerreiro sieht sich selbst eher im Mittelfeld und offenbart im Abwehrverhalten immer wieder extreme Schwächen. Auch sein Gegenstück auf der anderen Seiten egal ob Diogo Dalot oder Nuno Mendes sind offensiv als stark einzustufen, doch defensiv immer wieder anfällig. Begegnungen auf höchstem Niveau mit Unterschiedsspielern wie Mbappé, Vinicius oder Messi könnten so zu riesigen Problemen führen. Auch Trainer Fernando Santos machte sich bei den letzten Turnieren eher dafür bekannt, auf Routiniers zu setzen und mit starrer Taktik zu agieren, was die Qualitäten seiner Einzelspieler oft eher verschwendet wirken lässt. Hier herrscht deutliches Verbesserungspotential. Die Portugiesen sind im Normalfall trotz vielversprechenden Anlagen eher als Außenseiter auf den WM Pokal einzustufen. Titelchancen: 10%

Argentinien: Bei den Argentiniern ist es eigentlich seit Jahren immer dasselbe Lied. Eine überragende Offensive mit Lionel Messi als absolutem Ausnahmekönner im Mittelpunkt. Drum herum agieren mit Angel di Maria, Lautaro Martinez oder Paulo Dybala absolute Ausnahmekönner und Zuarbeiter für ihren Starspieler. Doch dahinter folgt maximal noch gute Qualität, denn sowohl das Mittelfeld und vor allem die Abwehr fallen qualitätstechnisch doch sehr ab. Weder Leandro Paredes noch Rodrigo de Paul zählen trotz Zugehörigkeit zu absoluten Topklubs wie Juventus Turin oder Atlético Madrid zu den herausragenden Spielern auf ihren Positionen. Auch in der Abwehr und im Tor sucht man Spieler mit Weltklasseformat vergebens. Einzig Lisandro Martínez verkörpert so etwas wie internationales Format. Die Trainerposition gleicht in Argentinien in den letzten Jahren sowieso mehr oder weniger einem Schleudersitz, was die Spielweise der Mannschaft aber nicht wirklich beeinträchtigt. Auch deshalb werden es die Gauchos trotz 36 ungeschlagenen Partien in Serie und aller offensiven Power auch dieses Mal deutlich schwerer als die anderen Favoriten mit vollumfänglich funktionierenden Mannschaftsteilen haben. Doch wer weiß, auch 2014 reichte es fürs Finale und auch Lionel Messi gilt es in Überform nicht zu unterschätzen. Titelchancen: 15%

Brasilien: Die Brasilianer gelten vor allem durch viele Talente und vielversprechender Spieler, die in der letzten Saison den nächsten Schritt auf leistungstechnischer Ebene gemacht haben, als Team, das es beim Kampf um die Krone der Welt mehr als auf der Rechnung zu haben gilt. Vor allem Vinicius Junior zeigte nicht zuletzt durch sein Tor im Champions League Finale gegen den FC Liverpool, dass er mittlerweile nicht mehr nur das schlampige Genie ist, sondern den Schritt zum absoluten Unterschiedsspieler auf Weltklasselevel gemacht hat. Auch Spieler wie Raphinha (Barca), Gabriel Jesus (Arsenal) oder auch Antony (ManU) und viele mehr zeigten vor allem in der bisherigen Saison, über wie viel Potential diese Nation bei weiter ansteigender Formkurve vor allem Offensiv verfügt. Auch in Mittelfeld und Abwehr verfügt Trainer Tite über viel Personal, dass sein Können auf höchstem Niveau schon nachgewiesen hat. Seien es Eder Militao, Marquinhos oder Alex Sandro. Auch auf der Torhüterposition ist man mit Alisson und Ederson überragend besetzt. Angeführt wird der alles in allem sehr runde Kader von seinem Superstar Neymar, der für die Nationalmannschaft bei vergangenen Turnieren immer eine blendende Einstellung getreu dem Motto „joga bonito“ an den Tag legte. Hat er Lust und kriegen auch die übrigen Mannschaftsteile ihr Potential auf den Rasen, gelten die Brasilianer vielleicht als der Topfavorit neben Weltmeister Frankreich. Titelchancen: 30%

Spanien: La Furia Roja gleicht ähnlich wie die deutsche Mannschaft durch seine Flexibilität einer Wundertüte. Unzählige Spieler wurden von Luis Enrique in den letzten Jahren getestet und auf verschiedenen Positionen ausprobiert. Vor allem in Angriff und Abwehr herrscht viel Rotation. Die größte Aufgabe wird es sein, eine eingespielte Mannschaft zu finden, die zueinander passt. In sofern das vom Trainer und seinem Stab überhaupt gewollt ist, denn auch bei der EM im letzten Jahr setzte man von Spiel zu Spiel bewusst auf eine starke Rotation in verschiedenen Mannschaftsteilen. Theoretisch herrscht an der Qualität der Spanier wenig Zweifel, hätte sich der Trainer nicht dazu entschieden, Weltstars wie Thiago, de Gea oder Kapitän Sergio Ramos zu Hause zu lassen. Aufgrund deren Abwesenheit wird das Team angeführt von den einzig verbliebenen Routiniers Sergio Busquets, Jordi Alba oder Dani Carvajal, die mit ihrer Erfahrung die ansonsten recht unerfahrene und junge Mannschaft leiten sollen. Vor allem vielversprechende Talente wie Pedri, Gavi oder Ansu Fati machen einer ganzen Nation Hoffnung. Bleibt vor allem letztgenannter verletzungsfrei, kann er in der Offensive zu dem X-Faktor und Shootingstar des Teams werden. Auch daneben befinden sich vielversprechende Spieler im Kader, die der Mannschaft mit ihren Qualitäten so einiges geben können. Man denke nur an einen Alvaro Morata, der auch noch Tore macht oder einen Marco Asensio, der neben Kunstückchen und Traumtoren auch mal ein ganzes Turnier konstant abliefert. Die Spanier werden es schwer haben, sind aber mit etwas Momentum und glücklichem Turnierverlauf nicht als chancenlos zu betrachten. Titelchancen: 5%