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Der DFB hat, genauso wie andere europäische Vertreter, seine geplante Aktion zum Tragen der groß angekündigten „One Love“ „-Binde für Diversität, Weltoffenheit und Integrität also tatsächlich verworfen. Dies geschah, weil laut öffentlicher Darstellung der nationalen Verbände der Druck der FIFA bezüglich sportlicher Sanktionen schlussendlich zu groß wurde. Nun stellt sich zwangsläufig die Frage, wie diese ganze Thematik zu bewerten ist und ob die großen europäischen Fußballnationen trotzdem hätten für ihre Überzeugungen einstehen müssen oder ob die massive Kritik aus dem eigenen Land wohlmöglich sogar ungerechtfertigt geäußert wurde. Doch bevor wir uns der Einordnung der ganzen Thematik widmen, erachte ich es für sinnvoll, die Ereignisse noch einmal chronologisch aufzuarbeiten, um ein besseres Verständnis für die ganze Polemik rund um die geplanten Statements und eine etwaige Cancel Culture seitens der FIFA zu schaffen.

Chronologie der Ereignisse

Im Vorfeld der WM Endrunde wurde von einigen europäischen Vertretern angekündigt, als Zeichen gegen die Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland Katar eine besondere Kapitänsbinde zu tragen, die für Werte wie Weltoffenheit und Toleranz steht. Dass es am Ende „nur“ eine geschlossene Mannschaftspose mit vor den Mund gehaltener Hand als Zeichen gegen die viel diskutierte Zensur wurde, steht zur ursprünglich geplanten Aktion bezüglich ihrer Wirkung dabei eher weniger im Verhältnis. Besonders deshalb, da die Szenerie des Teamfotos von der Weltregie (bewusst) nicht einmal gezeigt, sondern ausschließlich über die ARD sowie Social Media verbreitet wurde. Im Vorfeld des ersten Gruppenspiels gegen Japan (1:2) äußerte sich beispielsweise Deutschlands Kapitän Manuel Neuer sehr offensiv zum Tragen der sogenannten „One Love“-Binde, indem er die Wichtigkeit einer solchen Aktion betonte. Vor dem Beginn der Endrunde im Wüstenstaat kamen bei immer näherrückendem Turnierstart diesbezüglich vermehrt Kontroversen auf. Beispielsweise die Haltung der FIFA, die bis kurz vor dem Auftakt ein Mysterium darstellte, wurde mit Spannung erwartet. Klar war lediglich, dass politische Handlungen eines Vereins oder Verbandes dementsprechend von der obersten Instanz im Fußball sanktioniert werden können und laut Statuten grundsätzlich untersagt sind. Stunden vor dem geplanten Beginn der Kampagne, in Form des ersten Auftritts der involvierten englischen Nationalmannschaft, kam es dann allerdings zum großen Knall. Die FIFA lies im direkten Dialog verlauten, dass es sich bei angesprochener Binde entsprechend den Verbandsstatuten um einen Verstoß gegen die offiziellen Ausrüstungsregeln handele. So heißt es in den Turnierregularien, dass „für FIFA-Finalwettbewerbe von jedem Kapitän jeder Mannschaft eine von der FIFA gestellte Armbinde getragen werden muss“. Dies bezieht sich damit auf Artikel 13.8.1 der Ausrüstungsregeln und untersagt den Nationen somit diese Maßnahme rechtswirksam, oder?

Spieler sind nicht Teil des Problems

Führende Verbände wie der DFB betonten im Vorfeld, eine Geldstrafe sowie ähnliche Sanktionen für das Tragen der „One Love“-Binde in Kauf nehmen zu wollen, doch als striktere Maßnahmen wie Sperren oder Punktabzüge als immer wahrscheinlicheres Szenario drohten, machten neben Deutschland auch die anderen involvierten Nationen wie England, Dänemark oder die Niederlande einen kurzfristigen Rückzieher. Dies zog eine große Welle der Entrüstung nach sich und brachte vor allem dem Deutschen Fußball Bund viel Ärger und Unverständnis ein. Man sah sich durch das Unterlassen des geplanten Statements für Diversität und Vielfalt mit einem gewaltigen Imageschaden konfrontiert, der beispielsweise den Absprung wichtiger Werbepartner wie REWE bedeutete. Das daneben selbstverständlich auch wichtige Erlöse aus Sponsoringeinnahmen flöten gehen, ist bei dieser Thematik jedoch Nebensache. Zwischen aller Aufregung und Kritik bleibt doch die bereits zu Anfang in den Raum geworfene Frage zu beantworten, inwieweit das Vorgehen des DFB und vor allem der Mannschaft sowie den einzelnen Personen zu rechtfertigen ist oder ob dieses nicht gar alternativlos daherkommt. Meiner Meinung nach lassen alle, die im Vorfeld des Turniers und seinen unzähligen Kontroversen einen Boykott forderten, entscheidende Punkte außer Acht, die von den meisten Kritikern gekonnt ignoriert und/oder beiseite gewischt werden. Oftmals sind neben dem Verband besonders die Spieler, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen, in den vergangenen Wochen die Zielscheibe der teils sehr harten Kritiken gewesen. Ich möchte dazu anregen, das Ganze mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Akteure, die wie im Falle von Jamal Musiala bei der WM Vergabe vor 12 Jahren gerade einmal 7 Jahre alt waren, tragen an dieser Standortentscheidung keinerlei Schuld und sollten auch nicht als politische Marionetten instrumentalisiert werden. Das Spieler jetzt auf einen lang gehegten Lebenstraum verzichten sollen und von der überkritischen Gesellschaft zu charakterlosen Söldnern verschrien werden, ist der falsche Ansatz. Thomas Müller brachte es auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Japan perfekt auf den Punkt, als er sagte, dass „Erwartungen an Spieler, den sportlichen Pfad und einen damit verbundenen Kindheitstraum für noch deutlichere politische Äußerungen zu verlassen, enttäuscht werden würden“. Dem schließe ich mich an, denn wenn überhaupt, ist das angeprangerte Fehlverhalten den teilweise höchst umstrittenen Einzelpersonen bzw. den FIFA Funktionären zuzuschreiben, die sich auf einer Ebene in inniger Zusammenarbeit Entscheidungen und Gelder zuschieben, bei deren Machenschaften sich auch die nationalen Verbände oftmals nicht lautstark und öffentlichkeitswirksam genug zur Wehr setzen.

Nicht jede Kritik hat ihre Berechtigung

Bei seiner Rede im Vorfeld der WM, als er seine Zuneigung für alle Volksgruppen zum Ausdruck zu bringen versuchte, löste FIFA Präsident Gianni Infantino aufgrund des vorher völlig konträren Verhaltens der Organisation erneut eine Menge Kontroversen aus. So sehr man deren sportliches und politisches Wirken auch verachten mag, in einem Punkt hat der 52-Jährige Schweizer allen berechtigten Kritiken zum Trotz definitiv ein gewichtiges Argument auf seiner Seite: Das Verhalten einiger europäischer Vertreter ist an Arroganz bzw. Ignoranz kaum zu überbieten. Um im Bilde zu bleiben: Bei der eigens einberufenen Pressekonferenz sprach die schillerndste Persönlichkeit der FIFA davon, dass er die Heuchelei und Doppelmoral der Europäer nicht mehr ertragen könne und forderte im gleichen Atemzug, dass man sich für „3.000 Jahre Geschichte weitere 3.000 weitere Jahre entschuldigen“ solle. Auch wenn seine Formulierung im Kontext einer ansonsten an Hochnäsigkeit und lehrerhaften Attitüde nicht zu überbietenden Art und Weise äußerst unglücklich daherkam, steckt in seiner Ausführung ein wahrer Kern. Vorab: Bekannte Menschenrechtsverletzungen wie Sklaventreiberei, Zahlung von Hungerlöhnen und zum Tode führende Arbeitsbedingungen sind ein Unding und dafür gehört Katar allemal das Handwerk gelegt. Die Unterstützung der FIFA und der gekonnt inszenierte öffentlichkeitswirksame Versuch, die Lage der Arbeiter vor Ort zu verbessern, sind trotz ihrer Scheinheiligkeit grundsätzlich positiv zu sehen, machen das Ganze aber nur geringfügig besser. Für mich ist das bestenfalls ein Kratzen an der Oberfläche. Aber dennoch, man trifft von Seiten der FIFA einen Nerv, wenn man mit einer gewissen Doppelmoral anprangert, dass im Gastgeberland Sitten herrschen, die in Europa verpöhnt sind. Die arabischen Länder sind weder ein Spiegelbild unserer Gesellschaft, noch haben sie die Absicht, westliche Sitten zu übernehmen. Abgesehen von bereits angesprochenen, unverhandelbaren Menschenrechtsverletzungen sind politische bzw. ideologische Überzeugungen wie das Tragen von Kopftüchern bei Frauen eine Angelegenheit des Islams, die die Europäer nicht zu verurteilen haben. Wenn sich jemand genötigt fühlt, diese Umstände missbilligen, soll er das tun, dann aber nicht verlangen, dass seine Ansicht auch umgesetzt wird, nur weil er Europäer ist. Bestes Beispiel für die angesprochene Ignoranz stellt die im ZDF ausgestrahlte Doku „Geheimsache Katar“ dar, in der Jochen Breyer gegenüber eines katarischen Funktionärs sein Unverständnis für das Tragen von Kopftüchern zum Ausdruck bringt. Genau hier lässt sich die Brücke zurück zum eigentlichen Thema schlagen, denn wenn man im Westen nahöstliche Sitten anprangert, darf man umgekehrt kein Verständnis dafür erwarten, westliche Bräuche in ein Turnier von Weltformat zu integrieren.

Das Problem ist vielschichtiger

Natürlich ist man vor allem hierzulande mit Kritik am Verband und seinen Mitgliedern schnell dabei, stellen Spieler und alle übrigen Funktionäre wie DFB Präsident Neuendorf doch eine öffentliche Zielscheibe dar. Anders als die FIFA stellt der Deutsche Fußball Bund eine Instanz dar, die für die nationalen Kritiker besser zu greifen ist, was den kurzen und einfachen Kommunikationsweg versinnbildlicht. Dennoch bleibt zu sagen, dass man vor allem in Bezug auf personifizierte Missbilligungen vorsichtig sein sollte, denn in meinen Augen ist die Rechtfertigung der Kritiker fast schon als ignorant anzusehen. Die eigene Unzufriedenheit auf denen abzuwälzen, die sich aufs sportliche konzentrieren wollen und diese als gehorsame Söldner zu bezeichnen, ist keineswegs zielführend und gibt der ganzen Thematik die völlig falsche Richtung. Viel eher sollten wir uns auf die Rolle der FIFA und deren Verbindungen zum Gastgeberland Katar konzentrieren, wenn man vor allem auf den Ablauf der Vergabe und die Chronologie der letzten Wochen und Monate zurückblickt (siehe oben). Hätte man tatsächlich fundierte und zugleich medienwirksame Kritik äußern wollen, hätte das direkt nach der Vergabe im Jahr 2010 geschehen müssen, als es darum ging, Diskussionen bezüglich Grundsatzentscheidungen im Hinblick auf einen kompletten Boykott anzustoßen. Aber wie das meistens so ist, stürzt sich die Gesellschaft lieber auf aktuelle Sensationsmeldungen und schreit laut nach Opfern für eine von der FIFA bewusst ins Leere gelenkte Kampagne. Jeder da draußen sollte sich noch einmal Gedanken über die Art und Weise seiner Kritik machen und hinterfragen, inwieweit man den fast schon diktatorischen Entscheidungsfindungen eines Weltverbandes dem Deutschen Fußball Bund und seinen Spielern und Funktionären in die Schuhe schieben kann.